FROHES NEUES JAHR!!! ... denn das ist es ja mittlerweile auch bei den Bummelanten unter uns, mit einigen Ausnahmen. (Poet, hurry up!)
DANKE an alle, die mir Weihnachtspost geschickt haben. Ich habe mich gefreut wie blöde. ^^ Ich habe jetzt übrigens endlich eigenes Internet, also auch Skype, meldet euch mal!
Seit einer Weile schreibe ich Tagebuch im Erzählstil (allerdings auch mit sehr inkonsistenter Zeit). Da ich hier so lange die Klappe gehalten habe, dachte ich mir, ich lass euch an meinem Sylvestereintrag teilhaben. Es ist ursprünglich nur für mich geschrieben, also bitte nicht über unangemessene Kommentare, unverständliche Begriffe/Gedanken etc. aufregen (ihr dürft aber gerne nachfragen!). Und ich hoffe einfach, dass ich keine Namen stehen gelassen habe. Wenn doch: Sorry!!! (kann man posts nachträglich verändern?)
Vermutlich denke ich nur, dass das hier eine gute Idee ist, weil es schon bald neun ist und ich irgendwie das Schlafen 'vergessen' habe. Na sei's drum. Bitte schön....
Mit einem Lachen und einem "Ich wünsch' dir noch einen guten Abend. Lass dir's gut gehen!" verabschiede ich mich von meiner Freundin von zu Hause.
Lustig. Jetzt liege ich wieder genau wie vor acht Stunden auf bzw. unter meinem Deckenhaufen auf dem Teppich, Kopfhörer auf den Ohren und das Sausen der Klimaanlage mehr schlecht als recht ignorierend, und gucke auf mein Skype-Fensterchen. Auch vor acht Stunden habe ich mit dieser Freundin gequasselt, es ist beinahe, als wäre ich nie weg gewesen.
Dabei hat sich seitdem ein Jahr verabschiedet und ein neues begonnen.
Vor acht Stunden, da war es bei mir neun Uhr abends. Ich hatte schon mit meiner Familie telefoniert und fühlte mich dankbarerweise gar nicht einsam. Meine sündhaft teuren Gnocci mit Pesto aus dem Feinkostladen im Aeon (Kaufhaus) hatte ich auch schon gespachtelt (hm, immer noch billiger als die 200 Euro-Neujahrs-Bento-Box), oder vielmehr ich war dabei, als D. sich wie verabredet meldete. Sie war gerade am Zimmer aufräumen und ich hatte nun die ehrenvolle Aufgabe, sie vom Abwasch abzuhalten.
Wir haben bestimmt eine halbe Stunde oder länger geschwatzt. Dann hat sie sich einem Telefonat mit ihrer Mutter und schließlich auch dem Abwasch zugewendet.
Ich derweil las Fanfiction.
Es ist nett, wie viele Autoren sich bemühen, zu Weihnachten ein update zu bringen. Da mich eine gewisse momentan 83 Kapitel lange Fanfiction mehrere Tage in ihren Bann geschlagen hatte, waren die ganzen updates immer noch da und warteten auf mich. Es gibt immer tausend Sachen, die ich auch noch tun könnte: Endlich die restlichen Weihnachts- bzw. jetzt wohl eher Neujahrsbriefe und -päckchen schreiben, packen und abschicken; Wäsche machen; Japanisch-Hausaufgaben. Ich könnte mein wundervolles Buch weiterlesen, oder alte e-mails beantworten.
Aber vielleicht nicht gerade am Sylvesterabend.
Also lag ich bald genüsslich auf der Decke, mampfte Mamas herrliche Weihnachtskekse und las.
Better be Slytherin.
Morgana.
Stepson.
...
Schließlich öffne ich mit leisen Tränen in den Augen ein Review-Fenster für Shadows within the Light. Harry Potter ist für die Zaubererwelt gestorben, Shadow Snape liegt im Koma und wird von einem zum Vampir gebissenen Draco umsorgt. Was für ein Ende!
Und was für ein Anfang.
Meine Armbanduhr geht ein paar Minuten vor, doch auch so ist es schon kurz nach Zwölf.
Ich habe den Jahreswechsel verpennt.
Seelenruhig schreibe ich meine Review zuende, dann fahre ich Computer und Klimaanlage herunter und mache mich ausgehfein: Einen zweiten Rock unter meinen Zigeunerrock, meine hochhackigen Stiefel (sind nun mal mein wärmstes Schuhwerk), Handschuhe, die dunkelrote Strickmütze, schließlich Schal und Handtasche. Mit Fotoapparat und MP3-Player darin, versteht sich.
Angenehmer Weise wird sich später herausstellen, dass ich letzteren umsonst mitgenommen habe.
Neugierig und sehr gespannt fliege ich die Treppen hinunter. Schon von weitem sehe ich, dass auf der Sanjiodori so einige Menschen unterwegs sind. Ich möchte mich ihnen am liebsten sofort anschließen, doch erst habe ich eine wichtigere Aufgabe zu erledigen: Ich muss ein 5 Yen-Stück bekommen.
Vor den hier überall präsenten Getränkeautomaten mache ich halt und inspiziere die Preise. Pech gehabt: Alles runde Beträge. Mit Bangen marschiere ich in Richtung Kombini ('convenience store' – Japaner kürzen gerne soweit ab, dass man das englische Grundwort kaum noch erkennt). Der Laden mag zwar den Rest des Jahres 24/7 geöffnet haben, aber um ein Uhr nachts zu Neujahr?
Schon als ich an "Shalala", meiner Manga-Kissa, vorbeikomme, werden meine Zweifel zur Ruhe gelegt: Wenn das Internetcafe jetzt geöffnet hat, dann bestimmt auch der Kombini.
Dort angekommen beschließe ich, mir ein Getränk zu kaufen. Ich habe nichts mitgenommen und wer weiß, wie lange ich unterwegs bin. Nichts Süßes, ich habe grade Zähne geputzt. Wasser will ich aber eigentlich auch nicht. Hmm... einen Grüntee? Ich greife eine Flasche und will mich schon zur Kasse umdrehen, da bemerke ich, wie warm die Plastikflasche ist. Hat die im Kühlregal zu dicht an der Lampe gestanden? Mit gerunzelter Stirn wende ich mich wieder dem Regal zu.
Heiße Getränke, steht darüber.
Oh.
Das ist auch nicht schlecht.
Ich zahle meinen Tee und mache mich auf den Weg, die Hauptstraße entlang zum Park.
Es sind nicht gar so viele Menschen unterwegs wie an einem besonders touristischen Wochenende, aber eine kleine Völkerwanderung ist es doch. Ich sehe immer wieder Familien und denke mir: Da gehörst du nicht dazu. Je länger ich aber neben den anderen Menschen her trabe, umso weniger ausgeschlossen fühle ich mich. Ich fange leise an zu singen. Habe ich auch niemanden zum Reden, so reicht meine gute Laune im Moment doch für zwei.
Nach und nach fällt mir auf, dass es seltsam still ist. Sicher, die Straßen sind auch jetzt noch gut befahren, die Menschen um mich her unterhalten sich. Und doch...
Keine Böller.
Keine Musik.
Kein Lärm.
Absolut kein Feuerwerk, keine Besoffenen – vielleicht ist es dafür noch zu früh? -, kein Streit, keine Lautsprecherdurchsagen.
Viel friedlicher als sonst.
Beschwingt trabe ich noch schneller los und überhole immer mehr Leute. Bald stehe ich vor dem Tor zum Todaiji. Heute ist der Eintritt in alle Tempel umsonst. Das ist meine Chance, endlich den Todaiji auch mal von innen zu betrachten, denn bisher habe ich mich immer davor gedrückt. So lange anstehen und dann auch noch dafür zahlen? Dafür war es mir dann doch nicht wichtig genug.
Heute habe ich kein Problem mit dem Anstehen.
Nebst einem großen Lagerfeuer sind am Wegrand immer wieder kleine Feuer entzündet, in deren Licht man die Rehe neugierig an den verkauften Leckereien schnuppern sieht. Heute gibt es nicht nur Rehbiscuits, sondern auch gute Verpflegung für die Menschen: Zuckerwatte, Takoyaki, Okonomiyaki, Kastera, Süßkartoffeln, Maiskolben, Yakisoba, Udon, und und und.
Verschiedene Gerüche streifen mein Bewusstsein, doch ich bin noch zu satt von Abendessen und Keksen und freue mich, als ich hinter dem Tor auch die Verkaufsbuden hinter mir lasse.
Vor mir liegt ein beeindruckender Anblick.
Der Todaiji bei Nacht ist wirklich schön. Auch hier sind zu beiden Seiten des sehr breiten Weges Feuer entzündet, deren flackerndes Licht das der kalten elektrischen Lampen erwärmt.
"...only from midnight till eight a.m.", höre ich plötzlich einen Japaner in meiner Nähe sagen. Ich wittere eine interessante Information und frage nach. Der Mann erklärt mir freundlich, dass das Fenster oben in der Tempelwand, durch welches man den Kopf des großen Buddhas im Tempel sieht, das ganze Jahr über geschlossen ist. Nur heute ist es für acht Stunden geöffnet.
Ich bin plötzlich sehr dankbar, dass ich von meinem Entschluss, um Mitternacht zum Tempel zu bummeln, durch nichts abgebracht worden bin.
Um die lange Schlange vor dem Spendenkasten mache ich erst einmal einen Bogen und sehe mich im Tempel um. Es ist fast wie auf einem Jahrmarkt: Überall Verkaufsstände. Die Mönche bieten allerlei Glücksbringer für das beginnende Jahr des Ochsen an: kleine Holzkühe und andere hübsche Verkaufsschlager – und natürlich o-mikuji.
O-mikuji, was sind das? Orakel-Lose. Horoskope. Zettel, die in 'kleines Glück' und 'großes Glück' - oder Pech – unterteilt sind. Neugierig und im Ansatz abergläubisch, wie ich nun einmal bin, kaufe ich mir für zweihundert Yen ein o-mikuji. Das ist das doppelte des normalen Preises. Heute ist eben ein besonderer Tag.
Ich bekomme einen oktaedrischen Zylinder in die Hand gedrückt, den ich wie meine Vorgänger fleißig schüttle, bis zu dem schmalen Loch am Boden ein Holzstäbchen mit einer Nummer herausfällt. Die Nummer sage ich einem der Mönche, bevor ich das Stäbchen zurückschiebe und die zylindrische Kiste wieder abstelle. Der Mönch schaut erstaunt. Habe ich die Nummer schlecht ausgesprochen? Doch schon zieht er eines der vielen Dutzend Schublädchen in dem Schränkchen hinter sich – es hat die Nummer 15 – und reicht mir meinen Zettel. Ich kämpfe mich durch die Schlange zurück und öffne es.
Pech.
Und sogar mit englischer Übersetzung. Ich erinnere mich, dass der nette alte Mann in der erdbeebensicheren Fremdeninformation mir davon erzählt hat, dass man nur im Todaiji auch englische Omikuji bekommt. Er hat mir auch erzählt, wie selten die Pechslose sind, und dass er sich gefreut hat, als er endlich mal eines bekam, sodass er es schließlich behalten hat.
Ich hege den Verdacht, dass der Mönch wusste, dass die 15 Pech bedeutet, und deswegen so überrascht aussah.
Ich beginne die genauere Beschreibung zu lesen.
Life: You will have bad luck. Be pious and pray to the gods. Trade: Do not make any trade agreements. Travel: Do not make any travel arrangements. Health: Any illnesses you have will get worse. Searching: What you are looking for will not be found.
Und noch einige mehr solcher reizender Prophezeiungen.
Ich beschließe, es dem alten Mann gleich zu tun und das Unglücksorakel nicht allzu ernst zu nehmen. Ich bin vielmehr ein Glückskind, schließlich habe ich das seltenste Los überhaupt gezogen!
So ganz kann ich mich davon aber doch nicht überzeugen, und so nehme ich das omikuji nicht mit nach Hause, sondern knote es zu den anderen an die Leine.
"So, da bleibst du jetzt!", sage ich bestimmt, und denke mir: und das Unglück auch!
Anschließend fahre ich fort, das Tempelinnere zu erkunden. Mehrere spannende Statuen stehen in den Ecken, die Mitte wird von dem großen Buddha ausgefüllt. Ich folge der Menge, die sich langsam um den Buddha herumschiebt.
Um einen der hölzernen Pfeiler haben sich lachende und deutende Menschen versammelt. Neugierig trete ich näher – und gucke nochmal etwas genauer hin.
Ein Mensch steckt im Pfeiler.
Es sieht aus, als greife er nach irgendetwas, denn sein Oberkörper verschwindet immer weiter in dem vielleicht 40x40 cm großen Loch. Ist etwas weiter oben in dem Pfeiler befestigt? Ich frage einen der Umstehenden, was genau hier vor sich geht.
Hashi, verstehe ich, und un ga ii.
Es bringt also Glück, ein Stäbchen aus dem Pfeiler zu holen?
Als der Mensch ganz in dem Pfeiler verschwindet, wird mir ein wenig bange. Das ist doch jetzt etwas arg viel Enthusiasmus, oder?
Dann endlich klärt sich das Mysterium auf. Von meinem Standpunkt aus konnte ich es nicht sehen, doch das Loch ist tatsächlich ein Gang, den der Mann soeben auf der anderen Seite verlassen hat.
Hashi muss sich also wohl auf den Pfeiler beziehen.
Es bringt Glück, durch das Loch zu krabbeln?
Misstrauisch und recht amüsiert beobachte ich eine Weile das Treiben. Einige schlanke und kleine junge Leute ziehen sich durch das Loch, und immer wieder wird es recht flugs von einem Kind passiert. Die bleiben allerdings meist am Ausgang noch einen Moment liegen, damit die Eltern ein Foto machen können.
Irgendwann überkommt mich meine Neugier und mein Ehrgeiz. Ich will das ausprobieren!
...Mein schlechtes Omikuji hat mit diesem Entschluss selbstverständlich nichts zu tun.
Mich in Gedanken einen Narren scheltend bewege ich mich in der Schlange nach vorne. Vor mir hat ein anderer Ausländer mit hochrotem Kopf den Rückzug angetreten. Kein Wunder ist der rot, er ist ja auch kurz stecken geblieben. Na, aber er grinst noch.
Hm. Glück ist nur was für Schlanke, wie es aussieht.
Ich stelle mir vor, mit dem Kopf in dem Pfeiler zu sein und dann mit dem Oberkörper stecken zu bleiben. Dann drücken vielleicht noch hilfreiche Leute von hinten nach, und ich bekomme Atemnot...
Als ich schließlich an der Reihe bin, schlägt mein Herz dann doch etwas schneller. Ich ziehe Anorak, Schal, Handschuhe, Fließpullover und – warum nicht? - auch die Mütze aus. Dann knie ich mich vor das Loch, strecke die Hände über den Kopf - ich habe mich gut über einen Mann amüsiert, der versuchte, mit angelegten Armen durchzukommen – und gebe mir einen Ruck.
Im Nu bin ich drinnen. Das passt ja prima! Ich stoße mich mit den Stiefeln ab, bis ich die Ellenbogen auf der anderen Seite durchgebracht habe. Dann ziehe ich einmal kräftig und drehe mich dabei auf den Rücken. Einen Augenblick später sitze ich auch schon auf der anderen Seite vor dem Loch.
Na so was.
Bin also doch schlank genug, trotz Vorbau und breiten Hüften, um 'Glück' zu haben.
Mit mir und der Welt geradezu unsinnig zufrieden kehre ich dem Pfeiler den Rücken zu und beende meine Umrundung Buddhas. Wieder an der Spendenkiste angekommen kann ich von hier aus bequem die Schlange seitlich vermeiden. Ich hoffe, dass die Götter meiner Welt mit denen der Scheibenwelt nichts gemein haben, werfe mein Fünf-Yen-Stück in den Kasten und bitte um ein ganz bestimmtes Glück im neuen Jahr – trotz des schlechten Omikuji.
Auch wenn ich nicht daran glaube.
Ich bin schließlich nicht abergläubisch, nicht wahr?
Auf dem Weg aus dem Todaiji mache ich viele Fotos. Er sieht schön aus, so wie er jetzt ist, mit all seinen Feuern und Lampions und dem warmen Licht, das aus den Toren und diesem einen Fenster strahlt.
Zurück vor dem Tempel beschließe ich, nicht der großen, sondern der kleineren Menschenmenge zu folgen. Diese begibt sich bergan zum nächsten Ort des Gebets, der Februarhalle. Ich erklimme die von kleinen Lampions erleuchteten Stufen und bemerke immer deutlicher, dass Neujahr doch kein solch reines Familienfest sein kann, wie mir erzählt wurde. Immer wieder sehe ich Liebespärchen, und sehr häufig auch Gruppen junger Männer. Manchmal ist auch eine Frau dabei, aber meistens sind es Männer. Warum?
Der Blick auf Nara vom doch ein gutes Stück höher gelegenen Tempel aus ist gigantisch. Lange stehe ich einfach auf dem Balkon und betrachte die dunkle Silhouette des Todaiji gegen die Lichter der Stadt. Ich habe das Gefühl, dass ich bei meinen bisherigen Streifzügen noch nie hierher gekommen bin. Vermutlich war es mir zu überfüllt. Doch ich beschließe, auf jeden Fall auch bei Tag noch einmal hierher zu kommen. Die Aussicht ist wahrhaft grandios.
Nach einer Weile wende ich mich dem Tempel? Schrein? dem Tempel zu. Eine Münze verschwindet in der Opferbox und ich schwinge das Stofftuch, um den Schlegel oben gegen den Gong sausen zu lassen, einmal, zweimal. Das hatte ich beim Todaiji vermisst. Dann falte ich die Hände und senke den Kopf. Die zweite meiner beiden im Kombini erworbenen Fünfyenmünzen ist somit ihrer Bestimmung zugeführt worden.
Go en – je nachdem, mit welchen Kanji man sie schreibt, stehen diese beiden Silben für 'fünf Yen', oder aber für 'Beziehung'. Die Spende eines Fünfyenstücks zu Neujahr bringt folglich laut Volksmund Beziehungsglück.
Ich schicke meine Bitte hinaus in die Unendlichkeit und hoffe ein wenig, dass sie vielleicht tatsächlich irgendwann erhört wird.
Langsam und vorsichtig gehe ich die unebenen Stufen auf der Rückseite des Tempels hinunter. Wohin jetzt? Ich tue das, was ich hier im Zweifelsfall immer mache: Ich folge der Menge.
An der nächsten Informationstafel mache ich jedoch halt und orientiere mich. Wenn ich weiter diesen Berg hinunter gehe, komme ich zurück zum Todaiji und bin bald aus dem Park draußen. Will ich das?
Ich sehe auf die Uhr. Es ist gerade kurz nach Zwei.
Morgen, oder auch heute, wie auch immer man das sehen möchte, wollte ich eigentlich nicht so spät aufstehen und endlich mal wieder joggen gehen. Habe sogar Papas Weihnachtsgeld in Schuhe und eine Hose zu eben diesem Zweck investiert.
Ich will jetzt nicht nach Hause.
Entschlossen schlage ich den kleinen Querpfad ein, der mich auf den größeren Weg in Richtung Katsuga-Tempel bringen soll; den habe ich noch ausgelassen.
War es vorher schon still, so wiederholt sich jetzt das, was ich hier schon einige Male erlebt habe: trotz der Lampen um mich und dem Wissen um die Menge vor und hinter mir fühle ich die Natur um mich wie eine physische Präsenz.
Ich habe mich zu Hause schon einige Male beim Joggen verrannt und war sehr allein in Wald und Feld; doch ich kann mich nicht erinnern, dass ich die Natur je als so weit und auch gefährlich empfunden habe. Es macht mir die eigene Winzigkeit und Sterblichkeit bewusst.
Und verdeutlicht mir noch einmal, was ich schon im Wald des Kasugayama gelernt habe: Es ist nicht erstaunlich, dass Filme wie Mononoke Hime, Tonari no Totoro und Chihiro's Reise gerade hier entstanden sind. Japans Wälder haben wirklich ein ganz eigenes Leben.
Schon bald bin ich aber wieder auf dem breiten Weg und umgeben von Leuten und die ehrfurchtsvollen und etwas bangen Gedanken verflüchtigen sich.
Zumindest solange, bis ich merke, dass es schon wieder einsam wird.
Warum kommen mir so viele Leute entgegen und so wenige laufen in meiner Richtung? Und warum werden es auf einmal weniger, gerade als ich auf dem schlecht beleuchteten Stück unterhalb des Wakakusuyama ankomme?
Ich kenne diese Straße mittlerweile bei Tag und bei Nacht, doch die dunklen Schatten, die sich erst auf wenige Schritt Entfernung zu Personen auflösen, sind heute wirklich unruhig. Und warum geht der Typ jetzt auf einmal vom Weg ab? ...Ah, er steckt sich eine Zigarette an.
Ich bin wirklich etwas unruhig.
Kaum erreiche ich aber die besser beleuchteten Treppen, da sind mit einem Schlag wieder eine Menge Leute um mich. Leider immer noch vor allem in der Gegenrichtung, aber immerhin: sie sind da. Seltsam: Bis zu diesem Stück viele Leute, danach viele Leute, aber zwischendrin keine Abzweigungen! Wo waren die bloß alle?
Ich fühle mich wie Chihiro in der Abenddämmerung, als die Welt um sie herum zu einer anderen wird und was vorher war, verschwimmt während vorher nie Dagewesenes Form annimmt.
An Chihiro muss ich auch oft denken, wenn ich im Zug sitze und neben mir ein anderer Zug fährt. Wenn sich dann die Gleise gabeln und der andere Zug sich entfernt, oder wenn er auf einmal ganz dicht an meinen herankommt, dann habe ich das Gefühl, ich weiß, wie die Zugfahrt in Chihiros Reise entstanden ist. Man kommt sich wirklich vor, als säßen die Leute im anderen Zug in einer ganz anderen Welt, die einen selbst gar nicht wirklich betrifft.
Aber vermutlich überinterpretiere ich jetzt.
Ich hätte mal lieber bei meinem Weg auch etwas mehr interpretiert, denn je näher ich dem Katsuga-Schrein kam, umso dichter waren die die Menschenmassen, die mir entgegenkamen. Ich hätte diesen Hinweis, dass es eine vorgegebene Richtung gibt, vielleicht einfach akzeptieren und befolgen sollen. Doch solange ich kein deutliches Verbot sah...
Direkt an der Rückseite des Tempels bekam ich dieses, in Form eines der vielen, vielen Uniformierten, die heute im Einsatz waren, um den Frieden des Festtages zu wahren. Er wies mich freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass ich doch bitte in der anderen Richtung zu gehen hätte.
Resigniert drehte ich um. Zum Glück war ich mittlerweile an einer Abzweigung vorbeigekommen, bis zur Vorderseite des Tempels sollte es nicht gar zu weit sein.
War es auch nicht.
Dennoch kostete es mich beinahe eine Stunde.
Die Treppen hinauf zum Tempel waren gerammelt voll. Schleppend und stockend waberte die Menschenmasse den Berg hinauf – und ich mittendrin. Beinahe hätte ich bei diesem Anblick kehrt gemacht. Doch wozu? Zu Hause wartete auf mich nur meine einsame Wohnung, hier aber war ich unter Leuten. Alle schienen gut gelaunt, neben mir waren mehrere Gruppen herumalbernder junger Männer...
Ich vertrieb mir die ersten zehn Minuten damit, die Jungs zu betrachten und die schickesten herauszusuchen. Diese sahen aber nie zu mir herüber, sodass das Beobachten irgendwann langweilig wurde. Ich besann mich auf das kleine Büchlein, das K. mir vor meiner Abreise aus Russland mitgebracht hatte: жесты и мимика в общении иапонцев – Gesten und Mimik im Umgang mit Japanern, wenn ich das richtig übersetze.
Das Büchlein hatte ich vor ein paar Wochen in meine Handtasche gesteckt, in der vagen Absicht, es irgendwann mal in der Bahn zu lesen.
Oder in einem Moment wie diesem.
Ich schaffte es in den nächsten zwanzig Minuten, zwei weitere Seiten der Einleitung zu bewältigen. Dann hatte ich die Weggabelung erreicht. Die Mehrheit der Leute drängte nach links, während vereinzelte nach rechts tröpfelten. Laut der Karte hier führte der rechte Weg später auch wieder auf den linken. Entschlossen, jeden Schlenker mitzunehmen, bog ich rechts ab.
Ich lief an mehreren kleinen Schreinen vorbei bergan, immer weniger Leute folgten demselben Pfad. Der Weg endete an einem letzten kleinen Schrein. Drei junge Männer standen vor dem Opferkasten, einer las den Text auf der Holztafel vor. Ich vermute, dass auf diesen Tafeln steht, für was speziell man an dem jeweiligen Schrein beten kann, doch genau weiß ich es nicht.
Die Jugendlichen warfen ihre Münzen und beteten kurz. Aus einer Laune heraus warf auch ich ein 10Yen-Stück in eine der Ritzen und schickte ein kurzes Gebet ins Blaue.
Dann kehrte ich zur letzten Weggabelung zurück, wo ich von zwei netten Frauen mit einem Reisweinstand einen Becher in die Hand gedrückt bekam. Sie verteilten umsonst.
Bald lief ich weiter und kam wieder auf den breiten Weg, wo ich erneut im Stau stand. Ich zückte das Buch.
Nach weiteren drei oder vier Seiten passierte ich endlich den Eingang.
Wenn ich gedacht hatte, im Todaiji würde ein großer Verkaufstrubel geschoben, dann kurierte mich der sich mir nun bietende Anblick davon. Ein breiter Ansturm auf die o-mikuji, weiter hinten ein Opferkasten, um den Tücher aufgespannt waren, die verstreute Münzen auffingen – hier wurde auch über vier Reihen von Köpfen hinweg geworfen -, dort verkaufte man Holzplättchen, die man beschriften und am Tempel aufhängen konnte, hier gab es Glücksbringer...
Ich hatte schon bei einem Stand auf der Rückseite des Tempels für 600 Yen ein kleines babyblaues Beutelchen erstanden, welches gute Gesundheit bringen soll.
Man weiß ja nie.
Hier gab es aber zudem noch Pfeile mit Kuhanhänger, 'um das Unglück abzuwehren', wieder Kuhfigürchen, Holzrehe mit Omikuji um Maul... Es war unbeschreiblich.
Oh, der Himmel wird hell. Nun sitze ich schon bald zwei Stunden an meinem Bericht...
Doch es geht auch langsam dem Ende zu.
Nach dem Kasuga-Schrein-Besuch, der über eine Stunde lang dauerte, folgte ich den Massen den Berg hinab. Unten im Park lief ich den breiten Weg entlang und erkannte, dass er heute von Essensständen aller Arten gesäumt war. Mittlerweile war es fast vier Uhr, ich hatte ein wenig Appetit. Ich musterte die Zuckeräpfel und gebratenen Soba mit Interesse, die Yakitori – Tintenfischbällchen jedoch mit leichter Abneigung. Die hatte ich in Ikoma einmal probiert, und mein Magen war nicht glücklich über die Kombination von fischig-salzigen Teigbällchen mit dicker, süßlicher Soße gewesen. Bei Okonomiyaki, einer Art Omelett mit Fleisch und Gemüse, stört mich diese Soße weniger; doch auch die gibt es original mit Meeresfrüchten...
Schließlich kaufte ich mir für 500 Yen eine Tüte Baby-Kastela. Diese Miniwaffeln gibt es nicht nur in runder Form, sondern auch als Figürchen. Ich bestellte Pikachu, bekam aber statt des spitzohrigen Pokemons versehentlich den rundlichen Anpan-Man. Auch nicht schlecht. Da war vermutlich sowieso mehr dran.
Gemütlich meine Waffelmännchen mampfend schländerte ich weiter durch den Park. Meine Augen wurden groß, als ich einen Stand mit Spielzeuggewehren (recht bedrohlich, geradezu echt aussehende Dinger) und PlayStation-Spielen sah. Ich beobachtete einen kleinen Jungen, dessen Vater gerade ein Wenig Geld über den Tisch reichte. Der Junge griff in ein Gefäß und zog – ein Los!
Also da mag ich unsere Losbuden mit dem nutzlosen Teeservice und den riesigen Plüschmonstern dann irgendwie doch lieber.
Bei der hiesigen Variante einer Schießbude musste ich mir allerdings wirklich das Lachen verkneifen. Die Theke stand etwa einen Meter von der Wand entfernt. Der Mann lehnte sich vor, so weit er konnte. Die Verkäuferin lächelte höflich. Als der Lauf des Gewehrs etwa eine Handbreit vom Ziel entfernt war, drückte der Mann ab. Die Verkäuferin reichte seinem Sohn daraufhin den kleinen Booster Pokemon- oder Digimonkarten, genau habe ich das nicht gesehen.
Kopfschüttelnd lief ich weiter, grüßte ein paar Rehe am Wegesrand und beobachtete einen vielleicht vier Jahre alten Jungen, der trotz der fortgeschrittenen Stunde quietschfidel im trockenen Graben an den Massen vorbeirannte.
Einige Zeit später kehrte ich zurück in heimische Gefilde. Ich verließ die Straße am Kofukuji und lief zielstrebig zu meinem Tempel. Da hatte ich noch etwas nachzuholen. Nach meinem nächtlichen Abenteuer auf dem Katsugayama hatte ich mir fest vorgenommen, einmal zum Tempel zu gehen und allen Göttern für meine reibungslose Heimkehr zu danken.
Ich stutzte; der Platz lag beinahe gänzlich verlassen vor mir.
Es scheint, dass nur die Tempel im Park zur Neujahrnacht so fleißig besucht werden. Nachts um halb fünf war an 'meinem' Tempel nur ein einsamer Gläubiger zu finden.
Von der Ruhe irgendwie sehr angetan lief ich zu dem kleinen Trog mit dem Drachen-Wasserspeier, um mir die Hände zu waschen. Dann kramte ich ein 100-Yen-Stück hervor, schlug zweimal auf den Gong und dankte wem auch immer für seine Unterstützung. Möge sie mir noch lange gewährt sein.
Bildete ich mir das ein oder war der Horizont bereits ein wenig heller?
Ich lief langsam die Sanjiodori entlang und lauschte den Gesprächen der Menschen um mich. Mittlerweile torkelten tatsächlich einige Betrunkene durch die Gegend. Ein junger Kerl wünschte mir ein "Happy New Year". Akimashite, antwortete ich höflich und hoffentlich richtig. Er und die beiden Mädchen hinter ihm sahen erstaunt aus; die Mädels kicherten. Zwischen ihm und mir entspann sich eine kurze Unterhaltung. Ich erfuhr, dass Neujahr tatsächlich von vielen jüngeren Leuten nicht mehr als das traditionelle Familienfest, sondern lieber mit Freunden gefeiert wird.
Und meine Beobachtung zum Mangel an Frauen bei den Tempelpilgern?
Scheinbar gehen Frauen in Begleitung der Familie oder des Freundes zum Tempel; oder gar nicht. Nur Männer gehen mit Freunden.
Aha.
Das verstehe, wer will...
Die Unterhaltung hat mich auf Abwege geführt. Mit einem weiteren Zusatzkringel bewege ich mich erneut auf meine Wohnung zu.
Neben mir hält ein Mofa. Ein Mann in Uniform steigt ab und ... trägt eine Zeitung aus! Ich mag es kaum glauben. Selbst am Neujahrsmorgen muss dieser Mann schon ab, nun, vermutlich ab vier, seiner Arbeit nachgehen. Er tut mir in dem Moment ein wenig leid.
Endlich komme ich recht müde in meinem Apartment an. Es ist kurz nach halb fünf.
Irgendwie, denke ich mir, kann ich da auch genauso gut wach bleiben. Vielleicht ist auch diese nur erzählt bekommene Tradition nicht ganz aktuell, doch ich habe Lust, meine Erlebnisse aufzuschreiben.
Schnell ist der Laptop eingeschaltet, das Modem auch; nach einem kurzen Gang ins Bad und einigem gierigen Wassertrinken – die kleine Teeflasche reicht dann doch keine viereinhalb Stunden lang – liege ich erneut in meine Decken eingemummelt auf dem Teppich. D. ist noch online.
Ich rufe sie an.
Wie schon am Abend unterhalten wir uns vergnügt. Bei ihr geht es ja jetzt auch bald auf Mitternacht zu. Sie ist mit Abwasch und allem fertig geworden und hat sich dann viiiele Folgen ihrer momentanen Liebligsserie gegönnt. Der Gedanke, dass ich nicht die einzige bin, die alleine feiert, nein, dass es eine Freundin sogar so vorzieht und sich über die Böller ärgert – die ich, wenn ich ehrlich bin, diesmal gar nicht so vermisst habe (in Amerika war das ein Drama!) ...nun, irgendwie hat das alles etwas unheimlich Tröstliches. Ich fühle mich wohl.
Entspannt liege ich auf dem Bauch, beantworte ein, zwei emails und esse einen Keks.
Dann beginne ich zu schreiben...








